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  • Dichtung, Irrtum und Wahrheit: Dienstag, der 20. März 2012

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Auszug "Der Lenzgarten" Nr. 29 (März 1916): Dichtung, Irrtum und Wahrheit
« am: Dienstag, der 20. März 2012 00:30:02 »
Auszug "Der Lenzgarten" Nr. 29 (März 1916):
Dichtung, Irrtum und Wahrheit

in überlieferter Familiengeschichte sind glattes Eis für den Chronisten.

Gerade in diesen furchtbaren Tagen, wo so Viele unvorbereitet den Weg des Todes ziehen, der ihren kundigen Mund auf immer schließt, wird der Familienchronist auf die Mitteilungen der Ueberlebenden angewiesen sein und deshalb erscheint es nicht überflüssig, vor den Gefahren der Ueberlieferung nachdrücklich zu warnen. Nur drei Beispiele will ich anführen.

Vor mir liegt ein ausgefüllter Fragebogen, in welchem ein Bezirksarzt, Regierungsrat und der Medizin Doktor mir mitteilt, er selbst habe am 21.10.1887 geheiratet, sein Sohn sei am 7.9.1878 geboren und am 2.5.1907 getraut. Das Pfarramt schreibt, daß der Sohn am 7.9.1879 geboren und am 2.4.1907 getraut sei. Die Eltern aber seien 1878 getraut.

Nun weiß ich selbst aus eigener Einsicht in Kirchenbüchern, daß die Auszüge aus ihnen nicht immer richtig abgeschrieben sind, aber hier scheint der Vater geirrt zu haben.

Dr. Erich Lenz, der Geschichte als Spezialstudium gewählt hat, teilte mir über seine Vorfahren das folgende als Ueberlieferung mit, die nachzuprüfen bisher nicht gelingen wollte:

"Der Vater von Friedrich Lenz war Pfarrer in Cocceje bei Dühringshof. Von ihm sind 2 Söhne, eben dieser Friedrich und ein anderer, der Pfarrer an der Diakonissenanstalt Kaiserswerth a. Rh. war, bekannt. Der Vater des Pfarrers war der achte Sohn eines Pfarrers in der Gegend von Erfurt. Er war der ungeratene Sohn, bestand sein Examen nicht und führte eine Art Bagantenleben.

Sein Vater sagte sich von ihm los. Er kam nach Berlin  und wurde in einer Predigt von Friedrich d. Gr. gehört, der ihm, da damals das Warthebruch urbar gemacht wurde, die dortige eben gegründete Pfarre in Cocceje gab. Über sein Leben erschien 1873 oder 1874 in dem Kalender des Diakonissenheims Kaiserswerth eine etwa 40 Seiten lange Beschreibung mit ausführlichen Daten. Nach einer anderen Version soll dieser Pfarrer schon früher als unter Friedrich II. dort angestellt worden sein. Ebenfalls eine Version behauptet, er habe sich "Lederer genannt Lenz" genannt"


Vergleichen wir nun die Geschichte des "Bruder Lentz" in Heft 28, so ergiebt sich, daß er nur einen schon 1779 gestorbenen Sohn hatte und auch sonst nicht der Ahnherr der im Oderbruch etwa in die Tausend zählenden Lenz sein kann. Nur seine dort allbekannte Lebensgeschichte hat den Johann Nicolaus Lederer unter die neumärkischen Lenzahnen einschalten lassen.

Laut unserer Lenz-Chronik hatte Nanno von Lentsin 4 Söhne, durch die er der Stammvater unseres Geschlechts wurde. Es fiel mir auf, daß genaue Angaben nicht belegt waren und ich wandte mich deshalb an den Verfasser, den wohlverdienten emeritus Kypke. Er antwortete mir am 19.3.1907 wörtlich:

"Ihre andere Hauptfrage betrifft die Quellen, wonach Nanno de Letzin 4 Söhne gehabt?

Da muß ich nun ein wenig weiter ausholen: Der Großvater meiner lieben Frau, Joh. Erdmann Lenz II (1746 03 01), Past. prim. an Peter-Paul in Stettin, hatte einen Kollegen, den Diakonus Steinbrück, einen weit berühmten Chronisten, der unter anderem die Stammbäume der sämtlichen pommerschen Adelsfamilien entworfen.

Dieser erbat sich von der Familie Lenz alle vorhandenen Stammbäume und Urkunden, um einen vollständigen Familienstammbaum auch dieser alten Adeslfamilie zu entwerfen.

Nachdem er Jahre lang daran gearbeitet, starb er.Die Stettiner Familie Lenz versäumte aber, von den Erben des p. Steinbrück die geliehenen Stammbäume und Urkunden rechtzeitig zu requirieren. Die Erben sagten aus, daß sie alle vorgefundenen Urkunden und Manuskripte des p. Steinbrück an das Königl. Staatsarchiv eingeliefert hätten.

Doch gerade die Lenziana fehlen dort, und ich fürchte, daß sie mit anderem Schurrmurr bei der Auflösung des Haushalts in die Hände eines Alttrödlers geraten sind.

Der Großvater hat nun freilich aus dem Gedächtnis und alten Akten viele Familie-Nachrichten in dicke schweinslederne Folianten eingeschrieben, doch meist ohne Jahreszahl und Quellenangabe. Diesen Notizen habe ich nun Manches entnommen, soweit es nur mit den inzwischen gedruckten ältesten Staatsurkunden, in denen Lenze vorkommen, übereinstimmt, die angegebene Zeit und die Schreibweise dafür sprechen.

Hierher gehört auch die Notiz von Nannos 4 Söhnen, die als Familien-Tradition gilt, auf die man freilich nicht immer Schlösser zu bauen vermag."


Es erscheint also die Möglichkeit einer Nachprüfung vollständig ausgeschlossen und wenn wir nicht die Zusammengehörigkeit aller Lenz-Lentz-Lentze, welche sich als Nachkommen in unsren beiden Chronikbänden erwähnter Namensträger ausweisen können, lediglich auf derart unsicheren Ueberlieferungen stützen wollen, dann müssen wir Familienforschung treiben.

Es giebt keinen anderen Weg. Eine groß angelegte Familienforschung, mit genügend Mitteln ausgestattet, wird bei der unermeßlichen Fülle noch nicht untersuchten Materials zum mindesten ein Ergebnis zeitigen, welches wissenschaftlich einwandfrei ist und wenigstens die Wahrscheinlichkeit für sich hat.

Die Aufgabe ist durchaus nicht zu schwer, sondern sie erfordert in erster Hinsicht Arbeitskraft und die ist vorhanden, wenn alle Beteiligten wollen.

Ende des Abschnittes "Der Lenzgarten" Nr. 29 (März 1916), Seite 191 ff.


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Re: Auszug "Der Lenzgarten" Nr. 29 (März 1916): Dichtung, Irrtum und Wahrheit
« Antwort #1 am: Dienstag, der 20. März 2012 00:56:04 »
Kurze Anmerkung hierzu:

Die Ausführungen von Pastor em. Heinrich Kypke belegen also, dass es diese "Lenziana" gab, die Akten und Urkunden, welche verliehen und nicht zurück gegeben wurden.

Nur handschriftliche Notizen dieses Diakonus Steinbrück blieben schlußendlich zurück, aus denen Pastor em. Heinrich Kypke noch versuchte, das Beste zu ziehen.

Diese Notizen waren ohne Jahreszahlen oder Quellenangaben, da man sich dieser Quellen ja sicher glaubte - es erschien wohl nicht nötig.

Der Aufruf gegen Endes des Artikels von Ernst Lentz im Jahre 1916 zielt in die Richtung neuerlicher Familienforschung, damit man die Abstammung von Nanno de Lentcin (Lentsyn, etc.) "wieder" auf urkundlich belegbare Beine stellen konnte. Ein Wunsch, der vermutlich durch die beiden Weltkriege endgültig zunichte gemacht wurde.

Aber wer weiß: Vielleicht finden wir in nachfolgenden Ausgaben des Lenzgartens noch mehr Erhellendes? Wichtig ist aber auch hier die Botschaft in der Botschaft: Unsere Abstammung von Nanno de Lentcin entsprang nicht nur der Phantasie von Pastor em. Heinrich Kypke oder "irgendwelchen Notizen", sondern diese entsprangen durchaus einer urkundlich belegbaren Basis, den Notizen eines anerkannten Chronisten, der diese nach Studium ebendieser Urkunden in die oben benannten "dicken schweinsledernen Folianten" eintrug - in sicherem Wissen, dass die Urkunden ja vorhanden sind.

Viele Grüße,

Michael Lentz
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