Autor [EN] [PL] [ES] [PT] [IT] [DE] [FR] [NL] [TR] [SR] [AR] [RU] Thema: Der Lenzgarten Nr.11, Mai 1911, Abschied Lenzgärtner Othmar Lenz, S. 9-11  (Gelesen 1744 mal)

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Der tote Punkt

Nur noch ein Lustrum fehlt an der hundertjährigen Wiederkehr der ersten, im Jahre 1816 aufgetre-tenen Bestrebungen, die deutsche Sprache von den vielen ihnen anhaftenden Fremdwörtern zu reinigen. Wie gewöhnlich, schoß der Uebereifer über das Ziel des Erreichbaren weit hinaus und schadete der eigenen, guten Sache. Periodisch wiederholten sich diese fehlgeschlagenen Anläufe und immer wieder verfiel man mehr oder weniger in den alten Fehler: mehr erreichen zu wollen, als bei dem eingewurzelten Stand des deutschen Sprachschatzes vernünftiger Weise erwartet werden konnten, ein Fehler, der auch heute noch ständig und in Mißachtung der Tatsache begangen wird, daß die Sprachreinigung nur im Wege der naturgemäßen Entwicklung und in denjenigen Grenzen sich vollziehen kann, die das Erhabene vom Lächerlichen unabänderlich trennen.

„ Est modus in rebus, sunt certi denique fines,
Quos ultra citraque nequit consistere rectum !”

Zu den Ungeheuerlichkeiten jener ursprünglichen, aus den Zeitverhältnissen nach den Freiheitskriegen sehr wohl erklärlichen Nurdeutsch-Sprachschwärmerei gehörte unter vielen Anderem das Attentat auf den  “Punkt”. Man wolllte den Punkt tot machen, weil er eben nicht deutschen, sondern lateinischen Ursprungs war. Den „Punkt“  als Interpunktionszeichen wollte man durch das Wort „Schließling“ bezeichnen und für das Komma „Unterbrechling“ setzen! Ob man für den Begriff „Punkt“ in seinen vielen anderen, sprachlichen Beziehungen dasselbe schöne Wort „Schließ-ling“ setzen wollte, ist mir leider nicht bekannt; vermutlich hat man statt dessen „Stichling“ in Vor-schlag gebracht, denn der Punkt deckt sich begrifflich am meisten mit dem Stich. – Aber dank der gefundenen Vernunft der „guten alten Zeit“ ist der gute alte „Punkt“ am Leben geblieben und wird hoffentlich noch solange fortleben, als die deutsche Sprache überhaupt noch zu den lebenden Sprachen zählt.

Denn wenn der „tote Punkt“ nicht überwunden wird, dann geht es, wie aus der Technik bekannt ist, überhaupt nicht weiter!

Wie kommt der „tote Punkt“ in den „Lenzgarten“?

Ganz einfach: der „Lenzgarten“  ist selbst auf dem toten Punkte angelangt!

Wie das kommen konnte?

Schon auf dem Familientage in Hamburg 1904 war der Vorschlag gemacht worden, ein Familienblatt des Lenzvereins in`s Leben zu rufen. Es ist aber bei dem Wunsche geblieben. Als ich, ohne von jenem Vorschlag Kenntnis zu haben, 1907 die gleiche, überaus naheliegende Anregung gab, wurden mir anfänglich die Schwierigkeiten der Ausführung entgegengehalten; ich machte aber geltend: der gute Wille kann Alles und zur Redaktion eines Blattes sind nur vier Dinge nötig: Schere, Kleister, Rotstift und ein großer Papierkorb! Da ich mich im Besitze dieser vier Elemente befand, habe ich damals, zunächst versuchsweise, mich bestimmen lassen, die Schriftleitung zu übernehmen! Auf dem Familientage 1908 wurde das provisorische Familienblatt als dauernde Vereinssache in die Satzung übernommen. Ich habe schon damals und oft wiederholt erklärt,  daß ich die Aufgabe nicht genügend würde durchführen  können, weil die vier genannten Element nicht ausreichen und mir das notwendigste, fünfte Element, die Zeit, nicht zur Verfügung stehe. Ein Nachfolger ließ sich aber, trotz mehrfache Anknüpfungen, nicht  finden und so traten wiederholt schwere Lücken in dem Erscheinen unseres Blättchen ein; die Aussicht, ein regelmäßiges Erscheinen zu ermöglichen, wurden immer geringer, und so sind wir auf den toten Punkt, oder, um kerndeutsch zu reden, auf den „toten Stichling“ gelangt!

Wir brauchen dies aber nicht tragisch zu nehmen! Denn der lange gesuchte Nachfolger des ersten Lenzgärtners ist nun glücklich gefunden in der Person des Vetters

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Verlagsbuchhändler, Friedenau – Berlin ( S. Chronik, Nachtrag S. 174). Außer seiner Arbeitsfreude und Bereitwilligkeit, seine Kräfte in den Dienst unseres Vereins zu stellen, stehen ihm seine fachmännischen Erfahrungen als Abteilungs-Vorstand einer unserer größten Verlags- Buch – und Kunsthandlungen und zudem ein ausreichendes technisches Personal, Druckerei und Alles zur Verfügung, was die Herausgabe eines Blattes erfordert. Auch hinsichtlich künstlerischer Ausgestaltung des „Lenzgarten“ dürfen wir Hervorragendes erwarten.

Anläßlich des Wechsels der Leitung unseres „Lenzgarten“ bedürfen wir also der „bösen Base Condo“ nicht!

Mit Dank  für meine bisherige Mitarbeiter und Alle, die mir meine Aufgabe erleichtert haben, lege ich mit voller Zuversicht für eine bessere und vervollkommnete Weiterentwicklung die Leitung unseres Blättchens in die fachkundigen Hände meines Herrn Nachfolgers.

Eines jedoch bitte ich unseren Gesamtverein, freundlichst beachten zu wollen: Jeder Lenzgärtner wird, um seiner Ausgabe gerecht werden und das Programm einhalten zu können, das wir bei der Begründung unseres Familienblattes uns gestellt haben, der tätigen Mitarbeit, der durch Mitfühlen, Mitdenken und Mithandeln bezeigten Unterstützung durch den Gesamtverein bedürfen. „ Zu gleichem Ziel in Arbeit treu verbunden“ haben wir in unserem Prolog gesagt. Wir wollen nicht belletristische Leistungen erstreben, sondern die Mitglieder der großen Familie Lenz-Lentz-Lentze einander näher bringen. Das geistige Fluidum, das den Verein durchströmen und ihn für seine Aufgaben befähigen soll, muß aus dem Verein selbst in Umlauf treten; auch der willigste und begabteste Lenzgärtner wird es nicht einimpfen können, wenn es nicht vom Lebensverv des Familienvereins selbst getragen wird.

Aber noch ein Zweites gehört dazu, dem „Lenzgärtner“, der freiwillig Zeit und Mühe dem Verein opfert, seine Haut zu Markte trägt, die notwendige Arbeitsfreude zu erhalten: das ist, ihm nicht nur die „böse Base Indo“ fernzuhalten, sondern insbesondere die weit schlimmeren Basen „Queru“ und „Pesti“! Der „Sauerwurm“, der dem Gärtner das Leben sauer macht, möge im „Lenzgarten“ niemals Eingang finden. Aber die „gute Bas Opu“ möge ihm erhalten bleiben, damit, wenn wieder einmal so ein Säkulum verflossen sein wird, der „Punkt“, auf dem das Lenzgeschlecht stehen wird, kein „toter Stichling“, sondern ein „springender Punkt“, d.h. in diesem Fall lebenskräftig und lebensfroh – in dulce infinitum – sein und bleiben möge!

„Allzeit gut Lenz!“

Othmar Lenz

Lenzgärtner a. D.